„Bei jedem Kunstwerk, groß oder klein, bis ins Kleinste, kommt alles auf die Konzeption an.“
J. W . Goethe, Maximen und Reflexionen

Das Fenster 6 ist eines der sonderbarsten Bilder in Réka Nemeres nunmehr 20 jährigen Laufbahn als Malerin. Es ist eine Art Matrix- Bild, von dem all die Elemente abgelesen werden können, die die Malerin miteinander verknüpft, um ihre eigene und ausschließlich für sie charakteristische Welt zu erschaffen. Diese Elemente kennzeichnen den Bereich des Figurativen und der Abstraktion, den beiden extremen Belangen der Kunst.

R. N. entwickelt ihre Arbeiten, indem sie permanent die Spannung zwischen diesen beiden Polen aufrechterhält. Ihr Landschaftsbild spiegelt die malerische Sichtweise und die Perspektive, mit der sie die Welt betrachtet; und sie durchlebt und vermittelt nicht nur visuelle Erfahrungen, sondern sie streift auch existentielle Probleme.

Der Anblick, der sich uns im Fenster bietet, oder der Anblick des Fensters, der sich uns darbietet, präsentiert sich nicht nach den Gestaltungsregeln der traditionellen Zentralperspektive. Mit feinen Änderungen des Blickwinkels und nahezu Origami-artig gefalteten Flächen erschafft sie eine Bilddimension, in deren Zentrum die Malerin selber steht.

Der Bildraum ist hyperbolisch. (Die Hyperbel als Sprache lebt von Übertreibungen – der Abweichung vom Gewohnten, Normalen, Alltäglichen, der Weglassung und der Übersteigerung.) Als Raumformation mit symbolischer Bedeutung ist sein Topos die Lage des Menschen. Die Malerin, und so auch der Betrachter geraten in eine Situation, in der sie sich zwischen Drinnen und Draußen befinden, in einer mit Üppigkeit und Leere beladenen Welt.

R. N. ist sich vollkommen dessen bewusst, dass die Dynamik des visuellen Erlebens sich durch eine gezielte Spannungswechselwirkung steigert, und dementsprechend kalkuliert und konstruiert sie sorgfältig den geometrischen Aufbau des Bildes. Bei der Farbgebung hingegen kommt mehr die andere Seite ihres rationalen, bewussten Charakters zum tragen. Die Wahl der Farben und die Malweise lassen auf eine hedonistische, gestische Malerin schließen. Neben der sachlichen Attitüde, die die Außenwelt in Betracht zieht, dominieren hier nun eher die subjektiven, persönlichen Wesensmerkmale. Der reale Anblick wird hier als persönliche Fiktion zum Gegenstand der Abbildung.

Auf Nemeres Bildern findet eine Aufführung ohne Darsteller statt, was am Rande des Bildes ein – obgleich auch aus kompositorischen Gründen gerechtfertigter – Vorhang andeutet. Überdies strahlt ihr Landschaftsbild, auf das und in das wir schauen, die emotionale Spannung zwischen Nähe und Ferne aus. Das Kolorit ist charakteristisch; neben den kühlen Grautönen ist da das Rot, das nach Goethe die Sehnsucht und die Suche verkörpert.

Tünde Bognár, 2007